À GLÓRIA DO GRÃO-MESTRE DO UNIVERSO
E DO NOSSO PROTECTOR SÃO TEOBALDO

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DAS RISORGIMENTO
(1815-1870) (2)
Michael Seidlmayer

 
Fonte: http://www.zum.de/psm/italien/seidlmayer391.php

 

 

1. Die ersten Aufstände. Die geistige Vorbereitung (1815-1848)

Zwei Momente geben diesen dreieinhalb Jahrzehnten das charakteristische Gepräge: einmal die Geheimbünde, die eine fast nicht abreißende Reihe von Aufständen und Revolutionen ins Werk setzen, Aufstände, welche alle miteinander fruchtlos bleiben und im Blute der Empörer erstickt werden und nur insofern Bedeutung gewinnen, als sie das Volk immer wieder wachrütteln und zugleich die italienische Frage mehr und mehr in das Blickfeld der europäischen Öffentlichkeit rücken. Und dann die literarische Vorbereitung des Risorgimento, die Erörterung seiner vielgestaltigen Einzelprobleme in programmatischen Schriften. Das bedeutete aber auch die Ausbildung und Klärung der inneren Fronten: gemäßigte Reformer und radikale Revolutionäre, höheres Bürgertum und breite Volksmassen, konstitutionelle Monarchie und Republik, Staatenbund (bzw. Bundesstaat) und Einheitsstaat, die stolze Parole des "L'Italia farà da se" (Italien wird es selbst schaffen) und die nüchterne, unromantische Überzeugung, daß die Befreiung nur mit fremder Hilfe gelingen könne - das sind die wichtigsten Gegensatzpaare, welche sich jenseits der gemeinsamen Ausrichtung erhoben, ja diese manchmal fast zu überwuchern und zu ersticken drohten.

Seine ersten unsicheren und mißglückten Schritte tat das Risorgimento im Zeichen der Geheimbünde, im Zeichen vor allem der "Carbonaria". Irgendwie wohl mit der Freimaurerei zusammenhängend, jedoch dann in den Zielsetzungen sich beträchtlich von ihr entfernend, trat die Carbonaria (Carbonaro Köhler) zum erstenmal in Unteritalien unter den Königen Joseph Bonaparte und Joachim Murat in Erscheinung. In diesen Jahren scharf antifranzösisch, wendet sie sich dann schnell mit aller Leidenschaft gegen die seit 1815 einsetzende Reaktion des bourbonischen Königshofes. Ihre sehr unklaren, konkret kaum faßbaren Lehren und Ziele hat man als "einen merkwürdigen Mischmasch von romantischem Imperialismus und halb sozialistischem Demokratismus im Sinne (S. 397) Rousseaus" (L. Salvatorelli) bezeichnet. Ein starker Mystizismus, geheimnisvolle Symbole und Eide, hierarchische Abstufung der Mitglieder in "Graden" und ähnliche freimaurerische Formen sind für sie charakteristisch; Christus galt ihnen dabei als "das erste Opfer der Tyrannen". So geht ihr Kampf vor allem um eine freiheitliche Verfassung und richtet sich zum Teil auch bereits gegen die österreichische Fremdherrschaft; soweit man sich von der künftigen Gestalt der Halbinsel etwa schon eine bestimmte Vorstellung machte, dachte man wohl am ehesten an einen gesamtitalienischen Staatenbund. Alles aber wollte man auf dem Wege der Verschwörung, des Tyrannenmordes und des plötzlich losbrechenden Aufstandes erreichen. Vom Süden aus breitete sich die Carbonaria bald über ganz Italien aus, zerfiel aber dabei schnell in einzelne Gruppen, welche keine rechte Verbindung mehr miteinander hatten und so ihre Kraft in unzusammenhängenden, schlecht organisierten Einzelaktionen verpufften: in ihnen durchlebt das Risorgimento sein temperamentvolles, aber noch ganz individualistisch unausgegorenes Jugendalter.

Besonders in Neapel und im Kirchenstaat aber erwuchsen den Carbonari gefährliche Feinde in Gesellschaften, die mit ihnen das Dunkle und Geheimnisvolle der Organisation gemeinsam hatten - [...], die aber im entgegengesetzten, d.h. im konservativ-reaktionären Sinn arbeiteten und daher gerne von den bestehenden Regierungen gefördert und in Dienst genommen wurden. Da sind etwa die "Sanfedisten" - der Name begegnete uns schon beim Sturz der Parthenopäischen Republik - oder die "Calderari" (Kesselflicker). So bekämpften sich die geheimen Gesellschaften gegenseitig mit den ihnen eigentümlichen unterirdischen Mitteln. Das staatliche Leben wurde unterwühlt, die öffentliche Ruhe und Sicherheit zeitweise bedenklich erschüttert: das ganze Unwesen offenbarte nur das Ungenügen des staatlichen Organismus und seiner Machtmittel.

Nach einem unbedeutenden Vorspiel im nördlichen Kirchenstaat (1817) bricht die erste Carbonariverschwörung im Juli 1820 in Neapel aus. Ihre Träger sind insbesondere Offiziere und höhere Beamte. An die Spitze stellt sich der General Guglielmo Pepe, der schon unter Murat gedient hatte; die breiteren Schichten des Volkes, auch des Bürgertums, halten sich durchaus abseits. Das Ziel der Revolutionäre ist die Verfassung, und zwar in der radikalen spanischen Form, wie sie auf der Pyrenäeninsel 1812 eingeführt und soeben (1820) dem König erneut abgetrotzt worden war; auf dem Einkammersystem basierend, ließ sie dem König nicht viel mehr als die Exekutive für die von der Nationalversammlung getroffenen Beschlüsse. 

Sogleich freilich zeigte es sich, daß es an der Einheitlichkeit nicht nur des Vorgehens, sondern auch der Ziele noch aufs schwerste fehlte. Die Sizilianer benützen die Gelegenheit, um die ihnen 1812 gewährte, dann im Zuge der Reaktion wieder abgeschaffte Autonomie der Insel mit einem eigenen Parlament aufs neue zu erringen. Davon aber wollten die Carbonari des Festlandes keineswegs etwas wissen; selbst mit den Waffen griffen sie, um dies zu verhindern, in Sizilien ein.

So ist die Bewegung von allem Anfang an unheilvoll gespalten. Trotzdem beeilt sich der erschrockene Ferdinand IV., die verlangte Verfassung zu beschwören. Nun aber tritt (S. 398) die Heilige Allianz auf den Plan; Metternich hatte es ja unterdessen verstanden, in ihr den Grundsatz der "Intervention", d.h. des unmittelbaren Eingreifens in allen Staaten, in denen der monarchische Absolutismus in Gefahr käme, durchzusetzen. Der König wird zu einem Fürstenkongreß nach Laibach eingeladen. Um die nach der Verfassung notwendige Erlaubnis zum Verlassen des Landes zu erhalten, versichert er feierlich, daß er dort die neue Ordnung verteidigen wolle. In Laibach aber widerruft er alles.

Die österreichischen Truppen rücken an, nach geringfügigen Kämpfen mit den revolutionären Milizen ziehen sie im März 1821 in Neapel ein. Wer sich nicht, wie der General Pepe, durch die Flucht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, verfiel dem Galgen oder dem Kerker, mit der Verfassung war es vorbei. Auf allen Gebieten feierte die Reaktion neue Triumphe; selbst der Katechismus, der unter den Christenpflichten die Liebe zum Vaterland aufführte, entging ihrem Zugriff nicht. Die österreichischen Truppen aber blieben vier Jahre lang (bis 1824) zum Schutze des Königs in Neapel - natürlich auf Kosten des Landes.

Während die Revolution in Neapel gerade zusammenbrach, flammte sie am anderen Ende der Halbinsel, in Piemont, auf - ein eindringliches Beispiel für die schlechte Organisation und das individualistische Draufgängertum der Carbobonaria. Auch in Piemont geht es um die spanische Verfassung. Dazu aber wird hier offen der Kampf gegen die Fremdherrschaft im Nachbarstaat, gegen "die mehr als 800jährige teutonische Knechtschaft", wie es in einem Aufruf hieß, proklamiert. "In Anbetracht, daß jede Nation das Recht hat, sich durch eigene, von ihr beschlossene Gesetze zu regieren und sich von jedem fremden Einfluß zu befreien", erklären die Revolutionäre, als deren bedeutendster Führer der Graf Santorre di Santarosa auftritt, an Österreich den Krieg.

Viktor Emanuel I. fühlt sich der Lage nicht gewachsen, er dankt ab, und zwar, da er selbst kinderlos ist, zugunsten seines Bruders Karl Felix (1821-1831). Doch da dieser augenblicklich außer Landes weilt, muß zunächst ein Prinz aus der Seitenlinie der Carignano (begründet durch jenen Prinzen Thomas, der uns mehrfach in der Geschichte des 17. Jahrhunderts begegnete) die Regentschaft übernehmen, mit Namen Karl Albert. Und - das gibt der piemontesischen Revolution ihren besonderen Anstrich - dieser Prinz galt als liberal und antiösterreichisch, ja er besaß seine guten Beziehungen zur Carbonaria selbst: auf ihn also setzten die Patrioten ihre größten Hoffnungen. Und dies erschien um so bedeutungsvoller, als auch Karl Felix kinderlos war und so der Prinz dereinst den Thron des Königreiches besteigen sollte.

Doch Karl Albert ist ein schwankender, seiner selbst immer unsicherer Charakter; im Augenblick, wo es Ernst wurde, versagt er sich zur maßlosen Enttäuschung der Revolutionäre der Bewegung. Wohl verkündet er nach einigem Schwanken im März 1821 die spanische Verfassung, aber von Modena aus erklärt sie der neue König sogleich für ungültig. Karl Albert fügt sich widerstandslos und begibt sich einstweilen ins Exils zum Großherzog von Toskana.

Wie Ferdinand IV. ruft Karl Felix die österreichischen Waffen zur Hilfe, und wie in Neapel ist ihnen auch in Piemont ein leichter Sieg beschieden (April 1821). Die Episode (S. 399) war zu Ende, mehrere hundert Aufständische wanderten ins Exil. An reaktionären Maßnahmen blieb der sardinische König kaum hinter dem neapolitanischen zurück; besonders die Universitätsstudenten wurden - bis zur Erfüllung ihrer äußeren religiösen Pflichten - der peinlichsten Überwachung unterworfen. Der österreichische General Bubna aber, der das militärische Unternehmen geleitet hatte, schickte die Schlüssel der eroberten Festung Alessandria nach Wien, und aus den Händen des Kaisers mußte sie der König von Sardinien wieder in Empfang nehmen: ein schmerzhaftes Symbol für die wahren Machtverhältnisse auf der Halbinsel. Zweieinhalb Jahre lang blieben im übrigen die fremden Truppen in Piemont.

Auch in Mailand hatte sich ein Kreis von Liberalen und Carbonari gebildet, von Männern, welche geistig besonders hochstanden und sich mit Feuereifer der Arbeit am kulturellen Fortschritt des Landes widmeten. Zwischen ihnen und den piemontesischen Aufständischen hatten enge Beziehungen bestanden: sobald diese die piemontesisch-lombardische Grenze überschritten hätten (wozu sie aber dann gar nicht kamen), sollten die Mailänder losschlagen. Die Verschwörung wurde aufgedeckt und nach jahrelangen Prozessen ihre Hauptführer zum Tode verurteilt und dann vom Kaiser zu lebenslänglichem (oder zum Teil 15-20jährigem) Kerker in der berüchtigten Festung auf dem Spielberg in Mähren begnadigt. Es sind jene Männer, denen Ricarda Huch in feinfühliger Charakterisierung ihrer Persönlichkeiten - ihrer geistigen Lebendigkeit und ihres großen vornehmen Wollens wie ihres inneren Ungenügens - ein unvergängliches literarisches Denkmal gesetzt hat: der solze Graf Federico Confalonieri, der zarte Dichter Silvio Pellico, dessen schlichte Schilderung seiner Gefängniszeit (Le mie prigioni) später als erschütternde Anklage durch die ganze Welt ging, der Graf Giorgio Pallavicini, der einzige, welchem es vergönnt war, die Einigung Italiens noch zu erleben, Piero Maroncelli u.a. Zehn und fünfzehn Jahre saßen diese Männer in körperlich und seelisch aufreibender Haft auf dem Spielberg; Strümpfestricken und Scharpiezupfen war die einzige Beschäftigung, die ihnen Kaiser Franz gewährte. Erst in den Jahren zwischen 1830 und 1836 erhielten sie nacheinander die Begnadigung und gingen als Verbannte nach Frankreich, England und Amerika, überall allein durch ihr Erscheinen die Blicke auf das unterjochte Italien hinlenkend und den Haß des liberalen Zeitalters gegen die Mächte des österreichischen Absolutismus aufrührend.

Nach den unglücklichen Ereignissen von 1820/21 herrschte, von mehrfachen politischen Meuchelmorden in der Romagna und Mark Ancona abgesehen, zehn Jahre lang äußerlich Ruhe. Doch die Heilige Allianz begann sich in diesen Jahren bereits zu überleben, der Gedanke der Intervention in fremden Ländern fing an, außerhalb Österreichs an Zugkraft zu verlieren. Dann kam der Sturm der Julirevolution des Jahres 1830, der in Paris zum zweiten Male die Bourbonen wegfegte und den "Bürgerkönig" Louis Philipp (1830-1848) auf den Thron führte. Das Ereignis trug seinen Wellenschlag nach den Niederlanden (Abspaltung von Belgien), nach Rußland (Aufstand von Polen), nach Deutschland (Unruhen in einigen Kleinstaaten) und auch nach Italien. Von den zahlreichen in Paris lebenden italienischen Emigranten angefeuert, erhoben sich zuerst Bologna und (S. 400) Modena (dessen Herzog selbst mit den Carbonari in Verbindung gestanden hatte, aber dann ein falsches Verräterspiel mit ihnen trieb) sowie Parma, während Piacenza durch eine österreichische Besatzung gesichert war; die Romagna und Mark Ancono, also jene Gebiete des Kirchenstaates, welche sich von alters her immer am schwersten in die päpstliche Herrschaft gefügt hatten, folgten sogleich. Die sogenannten Gebiet schlossen sich unter einer provisorischen Regierung als "Vereinigte italienische Provinzen" zu einer Republik zusammen (Februar 1831). Wiederum ein Traum von wenigen Wochen: Ende März haben die österreichischen Truppen die alte Ordnung restlos hergestellt und die vertriebenen Souveräne zurückgeführt.

Immerhin etwas wurde erreicht: mehr als bisher rückten die italienischen Probleme nun in das Blickfeld der europäischen Großmächte. In einem berühmt gewordenen Memorandum vom Mai 1831 wandten sich Österreich, Frankreich, England, Preußen, Rußland und schließlich Sardinien mit eindringlichen Vorstellungen an den Papst, er möge doch, um ähnliche Vorkommnisse in der Folge hintanzuhalten, die Verhältnisse im Kirchenstaat durch eingreifende Reformen denen der übrigen europäischen Staaten in etwa angleichen. Vor allem die Zulassung der Laien zu allen Ämtern in Verwaltung und Justiz, die Bildung von freigewählten Provinzialräten und die Einsetzung eines wenigstens teilweise weltlichen Staatsrates für das ganze Land wurden gewünscht. Im großen und ganzen blieb, wie noch näher zu sagen sein wird, der Vorstoß der Mächte ohne Erfolg. 

Im Juli 1831 verließen die österreichischen Truppen den Kirchenstaat, aber im Januar 1832 rückten sie nach erneuten Unruhen wieder in Bologna ein, diesmal offensichtlich mit der Absicht, sich hier für längere Zeit einzurichten. Da wollten auch die Franzosen nicht zurückstehen und besetzten ihrerseits die wichtige Hafenstadt Ancona, um, wie sie in einem Manifest erklärten, die Freiheit der Völker gegen die Despotie zu schützen. So sind es immer noch die beiden alten Mächte Österreich und Frankreich, welche über allen Wandel der Jahrhunderte hinweg offen um den beherrschenden Einfluß in Italien ringen. Wohl sah die päpstliche Regierung die fremden Herren jetzt nur mehr mit Unbehagen, aber bei seiner inneren Schwäche hatte der Kirchenstaat schon fast aufgehört, ein souveräner Staat zu sein. Sechs Jahre lang (bis 1838) blieb die Okkupation Bolognas durch die Österreicher und Anconas durch die Franzosen bestehen.

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